Mega-Interview der NEUE ZÜRCHER ZEITUNG mit Konzertveranstalter André Béchir über das abgesagte Rolling-Stones-Konzert in Bern!

Liebe Stonerinnen und Stoner, liebe Freundinnen und Freunde unserer Homepage,

zu den bis dato ausgefallenenen Konzerten der STONES-SIXTY-EUROPA-TOUR 2022 (https://www.stones-club-aachen.com/category/60-stones-jubilaeumstour-2022-23/) haben wir einige Beiträge veröffentlicht, die Ihr durch die Klicks auf die nachstehenden Links aufrufen könnt.

> https://www.stones-club-aachen.com/aktuelles-zur-laufenden-stones-sixty-europa-tour-auch-das-konzert-in-bern-wird-verschoben/ !

> https://www.stones-club-aachen.com/neuer-sixty-konzert-termin-fuer-amsterdam-ist-noch-offen-konzert-am-17-06-22-in-bern-ist-gefaehrdet-stones-club-rolling-stone-berichten/ !

> https://www.stones-club-aachen.com/rnd-berichtet-auftritt-soll-nachgeholt-werden-mick-jagger-hat-corona-rolling-stones-konzert-in-amsterdam-abgesagt/ !

Wir haben nachstehend ein aktuelles Interview mit dem Veranstalter des abgesagten Stones-Konzerts in Bern, dem Herrn André Béchir, für Euch gepostet.

Interview

«Die Enttäuschung ist unglaublich gross»: Der Konzertveranstalter André Béchir spricht über das abgesagte Rolling-Stones-Konzert – und darüber, was das für die Schweizer Eventbranche bedeutet

André Béchir ist der erfolgreichste Konzertveranstalter der Schweiz. Er holte die Rolling Stones für etliche Auftritte in die Schweiz, das Konzert vom Freitag wäre das 15. gewesen. Ein Gespräch über Rock’n’Roll, finanzielle Risiken und den richtigen Moment für den Abschied.

Andri Rostetter, Janique Weder

14.06.2022, 16.22 Uhr

André Béchir: «Eine Ansteckung, und alles ist gelaufen.» Annick Ramp / NZZ

Herr Béchir, aus dem Wiedersehen mit Mick Jagger wird vorerst nichts. Die Rolling Stones haben ihr Konzert in Bern wegen der Corona-Erkrankung des Sängers abgesagt. Fühlt es sich an wie eine Niederlage?

Die Enttäuschung ist unglaublich gross. Man freut sich, hat viel gearbeitet, steckt mitten in den Vorbereitungen, und dann wird einem der Stecker gezogen.

Corona scheint für die Eventbranche noch nicht vorbei zu sein.

Es ist ernüchternd. Ich frage mich, wie es weitergehen soll. Es sind noch einige Grosskonzerte geplant, dafür brauchen wir Planungssicherheit, die nicht gegeben ist. Wir sehen es jetzt bei Mick Jagger: Eine Ansteckung, und alles ist gelaufen.

Gibt es ein Verschiebedatum?

Wir stehen in Abklärungen mit dem Stadionbetreiber. Es braucht den Goodwill von allen Seiten. Je schneller wir sind, desto grösser ist die Chance, dass das Konzert in Bern nachgeholt werden kann. Ich bleibe zuversichtlich.

Warum tun Sie sich das noch an? Sie sind 73, haben alles erreicht, was man in der Schweiz in diesem Geschäft erreichen kann. Sie hatten alle, Dylan, Bowie, Springsteen, die Stones. Sie könnten einfach aufhören.

Ich wollte noch einmal die Stones machen, ein letztes Mal. Ich glaube, nach dieser Tour werden sie nicht mehr kommen.

Das haben wir schon ein paar Mal gehört.

Die Band hat nie gesagt, dass sie aufhört! Die Medien haben das behauptet. Im Letzigrund 2017 strotzten sie vor Spielfreude. Für mich war klar, dass die Tour noch nicht zu Ende ist. Aber jetzt wird es das letzte Mal sein. Mick Jagger wird nächstes Jahr 80. Wenn er nicht mehr auf der Bühne herumrennen kann, sind die Stones nicht mehr die Stones. Sie spielen noch zwei Konzerte pro Woche, die Erholungszeit wird länger. Zucchero schafft fünf.

Und wann hören Sie auf?

Der operative Abschied wird im Juni 2023 sein, mit Springsteen in Zürich. Aber ich mache das gern, ich bin mit Herzblut dabei. Wenn es mich braucht, werde ich da sein. Konzerte veranstalten ist Vertrauenssache. Ich kenne die Leute, mit denen ich verhandle, seit Jahren. Mir reicht ein Handschlag. Den Vertrag mit Elton John haben wir drei Tage vor dem Auftritt gemacht. Aber langsam wird es zur Generationenfrage. Wenn ein 73-Jähriger mit einer 19-Jährigen verhandeln muss, kann es schwierig werden.

Wie zum Beispiel mit der 19 Jahre alten amerikanischen Sängerin Olivia Rodrigo, die vor zwei Jahren noch unbekannt war und jetzt ein Weltstar ist?

Es ist nicht so, dass ich nicht mit ihnen reden kann. Ich spüre auch grossen Respekt. Wenn ich erzähle, was ich alles gemacht habe, dass ich Michael Jackson und Bob Marley getroffen habe, dass ich 29 Konzerte mit Tina Turner gemacht habe, dann erstarren sie in Ehrfurcht. Aber ich verstehe nicht mehr alles, was sie tun. Dieses ganze Streaming-Ding, das sagt mir nichts. Ich kaufe noch CD.

Vermissen Sie die alten Zeiten?

Ich bin unheimlich dankbar, dass ich das erleben durfte. Wir haben Rock’n’Roll-Geschichte geschrieben. In den Siebzigern sind wir mit den Bands durch die Stripklubs gezogen. Bowie schenkte uns einmal 20 000 Dollar, weil wir mit seinem Konzert Verlust gemacht hatten. Chuck Berry mussten wir zusammen mit dem Publikum daran hindern, mit seinem Auto davonzufahren, damit er wieder auf die Bühne geht und weiterspielt. Während der Jugendunruhen wurden wir mit Gummischrot beschossen, als wir mit Fleetwood Mac ins Mascotte gingen. All diese Szenen, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Reden wir über Geld. Ein Stehplatz am Rolling-Stones-Konzert kostet 170 Franken, ein guter Sitzplatz mehr als 300. Ein Musikjournalist schrieb kürzlich, die Preise seien «jenseits der Gier».

Ich verstehe das nicht. Für ein Champions-League-Spiel zahlen die Leute locker 500 Franken, und dann kann es ein langweiliges null zu null geben. Da stellt niemand Fragen. Ich wollte an ein Konzert von Adele in Las Vegas, 2000 Dollar pro Ticket. Nichts zu machen, war ausverkauft. Die Leute zahlen das, über Ticketpreise redet dort niemand. In der Schweiz sind wir übrigens günstiger als in Deutschland, wahrscheinlich zum ersten Mal.

Gut, wir fragen anders. Wo geht das Geld hin?

Nehmen wir Musiker in der Grössenordnung der Rolling Stones. Sagen wir, sie verdienen für eine Tour eine Million. Vor dieser Tour haben sie drei Wochen lang geübt, jeden Tag. Dafür mussten sie eine Halle mieten, in der die ganze Produktion Platz hatte, mit Licht und allem. Sie mussten für drei Wochen 100 Leute bezahlen, Showdesigner, Techniker, Security, mit Hotel und Verpflegung. Dann kommen die Lastwagen. Die müssen das Beladen üben. Alle Kisten müssen am richtigen Ort sein, damit sie schnell ein- und ausgeladen werden können. Wenn sie von Liverpool nach Zürich fahren müssen, brauchen sie pro Lastwagen zwei Fahrer. Macht bei zwanzig Lastwagen vierzig Fahrer. Wenn man all diese Kosten rechnet, für die gesamte Tour, dann relativiert sich diese Million.

In der Branche gibt es ein Schweigegelübde. Niemand spricht über die Gagen.

Wir haben in den Verträgen Confidential-Klauseln. Ich bin sicher, wenn sich jemand ernsthaft bemühen würde, diese Kosten aufzuzeigen, würden sich die Künstler nicht dagegen wehren. Kleine Bands verdienen auf ihren Tourneen vielleicht 1000 Dollar pro Auftritt. Das ist ein Verlustgeschäft, die haben so hohe Auslagen. Ich kenne die Tageskosten der Stones. Und ich sage Ihnen: Die sind enorm hoch.

Gut, aber grosse Bands wie die Stones haben kaum Geldsorgen.

Wir bemühen uns immer um tiefe Ticketpreise. Aber wir sind als Veranstalter am kürzeren Hebel. Wenn ein Künstler sieben Suiten will, dann kann ich nicht sagen, ich zahle nur zwei. Die Stones haben eine Boeing 737. Die sollen das haben, das interessiert mich nicht. Ich will, dass sie bei uns auftreten. Ich sage immer: Play the game! Aber die Frage ist doch eine andere: Wollen wir diese Künstler? Wenn ja, dann müssen wir auch bereit sein, dafür zu bezahlen.

Die Pandemie hat einen Konzertstau verursacht, viele Anlässe sind nicht ausverkauft. Wer trägt das finanzielle Risiko?

Früher mussten wir eine Garantie für 80 Prozent geben. Das heisst, der Künstler bekommt 80 Prozent von den budgetierten Einnahmen. Bei 200 000 Franken gab es für den Künstler 160 000 und für uns 40 000. Das war in den 1970er Jahren. Dann kam die Garantie für 85 Prozent, wir kriegten noch 15. Dann 90 zu 10. Heute bleibt dem Veranstalter manchmal noch 7,5 Prozent. Wenn zu wenig Leute ans Konzert kommen, ist der Verlust schnell einmal 200 000, 300 000 Franken. Wenn du einen normalen Geschäftsmann fragen würdest, ob er da mitmache, er würde dir sagen, du seist wahnsinnig.

Hat die Streaming-Kultur nichts an diesem Geschäft verändert? Immerhin führt sie dazu, dass die Musiker wieder mit Konzerten Geld verdienen müssen.

Ja. Aber man muss die Live-Kultur pflegen! Wir dürfen jetzt nicht anfangen, möglichst viele Konzerte zu machen. Als Veranstalter überlege ich mir: Was erwarte ich, wenn ich an ein Konzert gehe? Es ist wie ein Hotel, fünf, vier, drei, zwei Sterne: Wie werde ich empfangen? Was gibt es zu essen? Wie ist die Sicherheit? Man kann doch die Leute begrüssen und einen guten Abend wünschen, das ist das Minimum. Es ist ein Unterschied, ob jemand sagt «Darf ich Ihre Tasche anschauen?» oder «Chaschmer no schnell de Rucksack zeige?» Wenn jemand für ein Ticket 200 Franken ausgibt, dann ist keine Du-Kultur gefragt. Punkt, fertig.

Sie haben mehr als 50 Jahre Erfahrung in der Branche. Hilft das?

Ich bin ein Bauchmensch. Logik funktioniert in diesem Geschäft nicht.

Machen Sie noch Fehler?

Ja. Man kann nie davon ausgehen, dass es so funktionieren würde wie beim letzten Mal. Trotzdem mache ich das. Bei Elton John gab es nach dem Film «Rocket Man» von 2019 einen grossen Sprung bei den Ticketverkäufen, da hatten die Leute plötzlich einen anderen Zugang zu ihm. Dieses Mal in Bern konnten wir nicht alle verkaufen. Die restlichen Tickets haben wir ukrainischen Flüchtlingen geschenkt.

Und bei den Rolling Stones?

Ich wusste nicht, wie es ankommt. Der Schlagzeuger Charlie Watts ist gestorben. Wie reagieren die Leute darauf? Der Druck ist gross, wenn du weisst, du musst 40 000 Billette verkaufen. Dann startet der Vorverkauf, und nach dem ersten Tag hast du gerade einmal 25 000 Tickets verkauft. Da denkst du: Läck du mir, nochmals 15 000.

Also zweifelt selbst André Béchir nach 50 Jahren im Business?

Ja. Corona hat das verstärkt. Jetzt kommt noch die Inflation dazu, die Leute wissen, alles wird teurer.

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Das komplette Interview könnt Ihr durch den Klick auf den nachstehenden Link auf der Homepage der    lesen.

> https://www.nzz.ch/feuilleton/rolling-stones-in-bern-veranstalter-andre-bechir-im-interview-ld.1687879 !

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Der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG gebührt ein großes Lob für dieses aufklärende Interview. Darauf haben viele Stones-Fans gewartet.

Manni Engelhardt -Stones-Club-Manager-

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