ZEIT ONLINE führte jüngst ein wunderschönes Interview mit Mick Jagger!

Liebe Stonerinnen und Stoner, liebe Freundinnen und Freunde unserer Homepage,

wie bereits angekündigt, veröffentlichen wir heute das Interview zwischen der Zeitung und Mick Jagger vom 06. April 2022.

Seit 60 Jahren steht Mick Jagger mit seiner Band auf der Bühne. Hier spricht er über neue Songs, Streit mit Paul McCartney und den Tod seines Freundes Charlie Watts.

 

Mick Jagger:

„Ich würde so gern mal wieder tanzen gehen“

Mick Jagger steht schon seit 60 Jahren auf der Bühne. © Morne de Klerk/​Getty Images

Hier spricht er über neue Songs, Streit mit Paul McCartney und den Tod seines Freundes Charlie Watts.

DIE ZEIT: Mr. Jagger, soeben haben Sie gemeinsam mit dem britischen Filmkomponisten Daniel Pemberton den Song Strange Game veröffentlicht. Ihre Stimme klingt darauf selbst für Mick-Jagger-Verhältnisse erstaunlich frisch, beinahe jugendlich.

Mick Jagger: Vielen Dank! Der Song ist jedenfalls ein bisschen anders als die Sachen, die ich sonst so mache. Irgendjemand meinte, er klinge wie Kurt Vile.

DIE ZEIT: Ein jüngerer amerikanischer Indie-Songwriter. Stimmen Sie zu bei der Beurteilung des Songs?

Mick Jagger: Schon. Es liegt, glaube ich, daran, dass Strange Game so lässig arrangiert und instrumentiert ist. Als wir damit angefangen haben, gab es noch keine richtige Komposition. Daniel schickte mir ein rudimentäres Instrumental, zu dem ich ein paar Zeilen auf mein iPhone gesungen habe. Die habe ich ihm geschickt, und auf diese Weise haben wir den Song ziemlich schnell fertig gemacht. Zum Schluss bin ich nur noch ins Studio gegangen und habe ihn eingesungen. Strange Game ist eigentlich ein Shuffle, aber trotzdem kein klassischer Blues. Der Song hat etwas Schmuddeliges.

DIE ZEIT: Etwas Schmuddeliges hat auch Jackson Lamb – die Figur, die Gary Oldman in der neuen Apple-TV-Serie Slow Horses spielt. Strange Game ist der Titelsong dieser Agentenserie: Jackson Lamb ist ein abgehalfterter britischer Geheimdienstmitarbeiter alter Schule. Nun versucht er, sich in der neuen Zeit zurechtzufinden – mit gewöhnungsbedürftigen Manieren.

Mick Jagger: Er ist hoffnungslos altmodisch und politisch unkorrekt, der Pastiche einer klassischen Agentenfigur. Man erfährt nie so ganz, was dazu geführt hat, dass er in der Serie gewissermaßen strafversetzt wurde, aber man ahnt: Es war etwas richtig, richtig Schlimmes. Mir ist es leichtgefallen, mich in diese Welt einzufühlen, da ich die Romane von Mick Herron gelesen hatte, auf denen die Serie basiert.

DIE ZEIT: Die Welt von Leuten wie Jackson Lamb schien mit dem Fall des Eisernen Vorhangs untergegangen zu sein. Nun findet ein Krieg mitten in Europa statt, während wir sprechen. Wie sehr verängstigt Sie der russische Angriffskrieg auf die Ukraine?

Mick Jagger: Es ist wahnsinnig furchteinflößend. Dieser Krieg könnte ohne Weiteres jederzeit eskalieren, das macht mir eine gewaltige Angst.

DIE ZEIT: „I was born in a crossfire hurricane“: Mit dieser Zeile beginnt Jumpin’ Jack Flash, einer der bekanntesten Songs der Rolling Stones. Ein Verweis darauf, dass Keith Richards und Sie im Jahre 1943 in Dartford geboren wurden, während die Stadt immer wieder Ziel deutscher Luftangriffe wurde. Aus Ihrer Generation ist später die Friedensbewegung hervorgegangen.

Mick Jagger: Für meine Generation ist das kaum zu verstehen. Unsere Eltern haben früher am Esstisch permanent über den Krieg gesprochen, das war das beherrschende Thema meiner Kindheit und Jugend. Wir sind dadurch indirekt, aber nachhaltig von den beiden Weltkriegen geprägt worden. Vor diesem Hintergrund hätte ich es in der Tat nicht für möglich gehalten, dass so etwas in meiner Lebenszeit überhaupt noch einmal passieren könnte. Wir haben über unsere Eltern unser Leben lang vermittelt bekommen, was Kriege für ein Leid auslösen. Nun haben wir einen direkt vor der eigenen Haustür. Aktuell ist es natürlich vor allem ein totaler Horror für die Menschen in der Ukraine, das macht einen fertig.

DIE ZEIT: Krieg schien ein Relikt vergangener Zeiten zu sein, war der Westen diesbezüglich zu naiv?

Mick Jagger: Es erscheint mir rätselhaft, welcher Zweck mit diesem Krieg überhaupt verfolgt werden soll. Ich wüsste wirklich nicht, wie er irgendjemandem einen Vorteil verschaffen sollte. Ganz offensichtlich nutzt er der Ukraine nicht, aber Russland ist er auch nicht besonders dienlich, was genau hat Putin aktuell von diesem Krieg? Niemand hat etwas davon. Wie die meisten Kriege ist auch dieser vollkommen sinnlos.
„Es war zuletzt alles nicht so einfach für uns“

DIE ZEIT: Sie gelten nicht unbedingt als besonders nostalgischer Mensch …

Mick Jagger: Das kann man nicht unbedingt sagen, stimmt.

DIE ZEIT: Sie nutzen Twitter und Instagram, Sie scheinen generell besser mit Veränderungen klarzukommen als andere Leute. Können Sie vor diesem Hintergrund verstehen, dass einige Ihrer Texte, wie etwa der von Brown Sugar, heute anders beurteilt werden als zum Zeitpunkt ihres Entstehens? Um den Song ist kürzlich eine Kontroverse entbrannt, von einigen wird er als misogyn oder sogar rassistisch gelesen. Sie haben dann entschieden, Brown Sugar bis auf Weiteres nicht mehr zu spielen.

Mick Jagger: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass das so eine große Sache war, wie es jetzt bei Ihnen klingt. Eine Kontroverse stelle ich mir anders vor.

DIE ZEIT: Es war und ist für viele ein Thema. Können Sie für die Kritik Verständnis aufbringen?

Mick Jagger: Einige Dinge verändern sich von Generation zu Generation, das ist der Lauf der Dinge. Und natürlich gilt das auch für die Einstellung der Leute zu bestimmten Themen. Dieser Song ist fünfzig Jahre alt, das ist eine verdammt lange Zeit. Ich bin offen für diese Veränderungen, einige gefallen mir, andere nicht, aber ich akzeptiere sie und lasse mich voll und ganz auf sie ein. Ich lebe im Hier und Jetzt, nicht in irgendeinem Paralleluniversum, in dem die Sechzigerjahre niemals aufgehört haben.

DIE ZEIT: Paul McCartney hat vor einigen Wochen erwähnt, er habe sich bei den Rolling Stones entschuldigt, nachdem er die Band in einem Interview mit dem New Yorker als Blues-Coverband bezeichnet haben soll. Das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden, so McCartney. Belustigt es Sie eigentlich, dass die vermeintliche Rivalität zwischen den Beatles und den Rolling Stones im Jahre 2022 immer noch für Schlagzeilen gut ist?

Mick Jagger: Ich liebe es! Zu der Zeit war ich auf Tour, da kam das genau zum richtigen Zeitpunkt. Eine willkommene Vorlage: Paul hat mir den Gefallen getan, mir durch dieses Interview Material für ein paar launige Bühnenansagen gegeben zu haben, mit denen ich wunderbar arbeiten konnte. Ein riesiger Spaß.

DIE ZEIT: Sie waren Ihr gesamtes Leben lang überaus aktiv und sind als ruheloser Geist bekannt. Wie sehr hat Ihnen die Stille der Pandemie zugesetzt?

Mick Jagger: Zum Glück verbringe ich ohnehin viel Zeit auf dem Land heutzutage, da ließ es sich ganz gut aushalten. Ich habe viel Musik gemacht, Songs geschrieben, Platten gehört. Die meiste Zeit bin ich in Europa geblieben. Es war natürlich vollkommen anders als sonst, aber nicht uninteressant. Dass ich nicht ausgehen kann, fällt mir schwer, das gilt immer noch. Ich würde so gerne mal wieder tanzen gehen. Aber ich halte mich bis heute sehr zurück. Auf gar keinen Fall will ich durch einen unbedachten Clubbesuch die anstehende Tour riskieren.

DIE ZEIT: Vorhin haben Sie erzählt, wie Sie über das Internet mit Daniel Pemberton an Strange Game gearbeitet haben. Wäre diese Arbeitsweise auch bei den Rolling Stones vorstellbar, oder ist es für die Band essenziell, physisch zusammenzukommen?

Mick Jagger: Nicht zwangsläufig. Heutzutage kann man eine Menge über das Internet organisieren, das gilt auch für die Stones. Daniel und ich waren in unterschiedlichen Ländern, als wir den Song gemacht haben, das ist bei den Stones quasi Dauerzustand. Natürlich ist es immer schöner, sich persönlich zu begegnen, aber ich kann auch über Zoom arbeiten und Details wie Timings, Längen und Stimmungen besprechen.

DIE ZEIT: Keith Richards scheint anderer Meinung zu sein. Er sagte mir vor einiger Zeit, das größte Problem bei den Stones sei stets, alle Mitglieder zur gleichen Zeit in einen Raum zu bekommen. Das sei aber nun einmal die Voraussetzung für das Entstehen von neuer Musik.

Mick Jagger: Für eine Band ist es natürlich immer besser, im Studio zusammenzukommen. Als Sänger bin ich es aber ohnehin gewohnt, allein an meinen Gesängen zu arbeiten, das war schon immer so. Man will auf keinen Fall einen Haufen Leute um sich herum haben, während man den Gesang für ein Album aufnimmt, da braucht es Ruhe und Konzentration. Das ist bei Keith übrigens nicht anders, seine Gitarren-Overdubs und den Gesang nimmt er auch allein auf. Aber klar, für die Basics ist es gut und wichtig, als Band zusammenzukommen.

DIE ZEIT: Seit fünf oder sechs Jahren ist in Interviews und Social-Media-Posts die Rede von einem neuen Stones-Album. Erschienen ist es bisher nicht.

Mick Jagger: Es liegt nicht an der Arbeitsweise. Es war zuletzt alles nicht so einfach für uns. Wir hatten eine Menge Songs geschrieben und auch schon ein paar wirklich schöne Sachen aufgenommen. Dann ist Charlie gestorben … Es gibt einige gute Aufnahmen, auf denen er noch zu hören ist, aber nichts davon ist wirklich fertig. Nun hatten Keith und ich kürzlich eine Writing-Session, in der wir auch noch mal ein paar gute Ideen hatten. Aber bis aus all diesen Ansätzen wirklich ein Album geworden ist, haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns.
„Mal sehen, wohin uns das noch führt“

DIE ZEIT: Traumatische Todesfälle haben die Karriere der Rolling Stones von einem sehr frühen Zeitpunkt an begleitet. Frühere Wegbegleiter wie der Gitarrist Brian Jones sind jung gestorben. Charlie Watts hatte ein gewisses Alter erreicht, macht das diesen Verlust irgendwie erträglicher für Sie?

Mick Jagger: Natürlich ist es ein Unterschied, ob man mit 27 stirbt oder mit 80. Trotzdem war sein Tod ein gewaltiger Schock. Zunächst schien er nur erkrankt zu sein und nicht touren zu können. Wir gingen wirklich alle davon aus, dass er sich schnell wieder erholen würde, aber das ist nicht geschehen. Ich war total geschockt und bin es im Grunde immer noch.

DIE ZEIT: Die verbliebenen Stones schienen unsterblich zu sein. Viele Fans begleiten die Band schon so lange, dass der Tod von Charlie Watts sich für sie wie der Verlust eines Familienmitglieds anfühlte.

Mick Jagger: Für uns war er das auf jeden Fall. Ein enges Familienmitglied … Er war einfach von Anfang an dabei. Sogar noch länger: Ich habe schon mit Charlie in Londoner Clubs gespielt, bevor es die Rolling Stones überhaupt gab. Er war also einer meiner ältesten Musikerfreunde. Auch privat waren wir sehr gute Freunde und hatten viele gemeinsame Interessen. Wir sind häufig zusammen zum Kricket gegangen, haben einfach gerne Zeit miteinander verbracht und uns gemeinsam um Dinge wie die Designs unserer Bühnenaufbauten gekümmert.

DIE ZEIT: Charlie Watts war gelernter Grafikdesigner.

Mick Jagger: So ist es. Mit ihm habe ich viele unserer Artworks und Designs gestaltet. Es ist ein gewaltiger Verlust.

DIE ZEIT: Manche Leute konnten nicht verstehen, dass Sie dennoch angekündigt haben, auch ohne Charlie Watts mit den Rolling Stones weiterzumachen. Gab es einen Moment, in dem Sie dachten: Okay, das war’s, die Stones sind Geschichte?

Mick Jagger: Nun, das hätte gut passieren können. Wenn wir nicht eine fest gebuchte Tour vor uns gehabt hätten, die überdies pandemiebedingt bereits ein Jahr verschoben worden war, hätte ich nicht sagen können, was passiert wäre. Es stand aber bereits vor Charlies Tod ohnehin fest, dass wir diese Tour ohne ihn spielen würden. Wir hätten es nicht gemacht, wenn er uns nicht darum gebeten hätte. Aber Charlie hat gesagt: „Bitte spielt diese Tour ohne mich, ich kann leider nicht mitkommen.“ Also haben wir das gemacht.

DIE ZEIT: Auch für jemanden, der für Nostalgie nicht empfänglich ist, muss die Sechzig eine gewaltige Zahl sein. So viele Jahre ist es her, dass Sie zum ersten Mal mit den Rolling Stones auf der Bühne gestanden haben. Dieses Jubiläum feiern Sie nun mit der kommenden Europatournee.

Mick Jagger: Allerdings, das ist eine unvorstellbare Zahl. Es klingt vor allem nach einer sehr langen Zeit, um sie in ein und derselben Band zu verbringen, in der ich ja zu allem Überfluss auch immer noch spiele. Aber das tue ich nun einmal, ich bin immer noch in dieser Band, das lässt sich nicht leugnen. Aber wissen Sie, was? Ich habe es nicht nur akzeptiert, sondern genieße es und erfreue mich daran. Mal sehen, wohin uns das noch führt.

DIE ZEIT: Immerhin Ihre Lieblingsfrage ergibt nach all der Zeit vielleicht so langsam mehr Sinn. Ich muss sie natürlich stellen: Wie lange können Sie den Stones-Job noch machen?

Mick Jagger: O mein Gott. Als mir diese Frage zum ersten Mal gestellt wurde, war ich gerade einmal 33 Jahre alt. Ganz ehrlich: Ich hatte damals keine Ahnung und weiß es heute immer noch nicht. Ganz offensichtlich nicht ewig. Aber solange man es genießt und immer noch in der Lage ist, es zu tun, machen wir eben weiter. Sie sehen also: Die Antwort ist immer dieselbe geblieben.

DIE ZEIT: Gibt es eigentlich eine Frage, bei der Sie sich wundern, dass sie Ihnen in all den Jahren noch nie ein Journalist gestellt hat?

Mick Jagger: Absolut nicht, nein. Man hat mich wirklich alles gefragt, was Sie sich nur vorstellen können, buchstäblich alles.

   Mick Jagger (@MickJagger) | Twitter

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Das ist ein wunderschönes Interview, auf das uns unser Präsidiumsmitglied Werner Gorressen (https://www.stones-club-aachen.com/?s=werner+gorressen) aufmerksam machte, das jeder Stones-Fan gelesen haben sollte. Ein herzliches Dankeschön gebührt der  !

Manni Engelhardt -Stones-Club-Manager-

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1 Antwort zu ZEIT ONLINE führte jüngst ein wunderschönes Interview mit Mick Jagger!

  1. Lotte Fechter sagt:

    Hallo Manni, hallo liebe Stones-Clubmitglieder,
    wenn Mick Jagger in seinem Interview u. a. sagt: „… Zum Schluss bin ich nur noch ins Studio gegangen und habe ihn eingesungen. Strange Game ist eigentlich ein Shuffle, aber trotzdem kein klassischer Blues. Der Song hat etwas Schmuddeliges…“, so gebe ich ihm vollkommen recht.
    Schmuddelig war auch der Song der Rolling Stones – The Harlem Shuffle .
    https://www.youtube.com/watch?v=hNay5FkfonE
    Mich erinnert der Song sehr daran. Das gehört aber zu den Stones! 🙂
    Lotte Fechter

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